05.10.2017: Im Notfall ist ein Kind kein kleiner Erwachsener

Für Eltern ein Alptraum: Ein medizinischer Notfall tritt bei ihrem Kind auf. Wie verhält und handelt man als Erwachsener in dieser Situation richtig? Darüber hat die Klinikzeitung mit Chefarzt Dr. Jochen Riedel gesprochen, der die Klinik für Kinder- und Jugendmedizin am Stauferklinikum Schwäbisch Gmünd leitet.
11 Meine Gesundheit 3 – Notfälle bei Kindern Auf Augenhöhe mit seinen kleine Patienten: Dr. Jochen Riedel leitet die Klinik für Kinder- und Jugendmedizin am Stauferklinikum Schwäbisch Gmünd
Klinik-Zeitung: Sie sind leidenschaftlicher Notarzt, wie kam es dazu?
Dr. Jochen Riedel (schmunzelt): Das ist eine lange Geschichte. Das "Helfen“ wollen hat mich schon immer fasziniert. Mein Einstieg war über die DLRG mit Wachdiensten an Seen. Von dort aus bin ich als Praktikant zu den Maltesern gewechselt, um als dritter Mann auf dem Rettungswagen mitzufahren. Das hat mich absolut begeistert, daraus entstand dann der Wunsch, Arzt zu werden. Das Rettungsgen ist mir geblieben und ich habe, nach Abschluss des Medizinstudiums, schnellstmöglich die Ausbildung zum Notarzt vorangetrieben. Neben der "normalen“ notärztlichen Tätigkeit war ich zwischenzeitlich in verschiedenen Großstädten als Baby-und Kindernotarzt tätig, hinzu kamen zahlreiche Einsätze auf dem Rettungshubschrauber und Learjet. Neben meiner Tätigkeit als Chefarzt bin ich bis dato noch regelmäßig als Notarzt an unseren Standorten im Dienst. Außerdem berate ich die Notärzte und Rettungsdienstmitarbeiter zu pädiatrischen Notfallthemen, hinzu kommen Vorträge in Kindergärten, Schulen und sonstigen Einrichtungen.

Wie verhalte ich mich richtig bei einem kindlichen Notfall? Wann soll ich einen Arzt kontaktieren oder den Notarzt rufen?
Das Wichtigste ist es, wenn irgend möglich, Ruhe zu bewahren und Souveränität auszustrahlen. Das ist einfach gesagt aber schwer in der Umsetzung, sowohl für Laien bis hin zu den professionellen Rettern. Es gibt sicherlich kleinere Blessuren, die Eltern oder sonstige Bezugspersonen mit Ihrer Erfahrung und eventuell einer Erste-Hilfe-Ausbildungen selbst lösen können.

Sind die Vitalfunktionen, dazu gehören Atmung, Kreislauf und die Bewusstseinslage, in Ordnung, was eigentlich in jedem Lebensalter gilt, so bleibt genügend Zeit und es kann gegebenenfalls der behandelnde Haus- oder Kinderarzt oder eine Notfallambulanz aufgesucht werden.

Bestehen Störungen im Bereich der Vitalfunktionen, starke Schmerzen, große Unsicherheiten oder der Eindruck, dass Gefahr besteht, sollte direkt die Rettungsleitstelle mittels Notruf kontaktiert werden, damit schnell kompetente Hilfe vor Ort kommt. Ich bin kein Fan davon, dass Erwachsene den kindlichen Notfall ins Auto verfrachten und in Formel1-Manier zur nächsten Klinik rasen. Das führt zur Eigen- und Fremdgefährdung und auf der Fahrt gibt es auch keinerlei therapeutische Möglichkeiten. Vielmehr sollte die Zeit zwischen Schadenseintritt, Notruf und Eintreffen des Rettungsdienstes bestmöglich überbrückt werden.

Durch die Kommunikation zwischen Rettungsdienst, Notarzt und aufnehmender Klinik kann sich, je nach Fallschwere, auch die Klinik auf die Aufnahme vorbereiten und den kleinen oder größeren Notfallpatienten mit einem Team von erfahrenen Schwestern und Ärzten und dem nötigen Equipment erwarten.

Können Eltern solche Situationen auch trainieren?
Klares Ja. Je kleiner oder jünger der Patient ist, umso größer sind die Ängste und Unsicherheiten. Unsere Rettungsorganisationen, wie Rotes Kreuz, Malteser oder die Johanniter, bieten turnusmäßig Kindernotfallkurse an. Dort werden die wichtigsten Themen systematisch vorgestellt, verbunden mit praktischen Übungen. Das hilft sehr, die Eigenkompetenz zu verbessern.

Sie sind Vater von drei Kindern – gibt es Fälle, die Sie besonders mitnehmen und bei denen Sie nicht richtig "abschalten“ können beziehungsweise konnten?
In meinen vielen Jahren als Klinikarzt, aber auch in meiner notärztlichen Tätigkeit, gab es viele Situationen, die auch bei mir ihre Spuren und Belastungen hinterlassen
haben. Sorge und Verantwortung kann ich mit Verlassen der Klinik nicht einfach abschalten. Bei besonderen Fällen kann es schon vorkommen, dass ich zu Hause in die Luftstarre und einen aktuellen Sorgenfall nochmals intensiv durchdenke, um nichts zu übersehen. Zum Glück habe ich eine sehr verständige Familie, die mir sehr viel Verständnis entgegenbringt. Da ich durch meine vielfältigen Aufgaben und Aktivitäten insgesamt wenig Freizeit habe, ist diese Zeit für mich ein besonderes Gut. Meine Familie, gute Freunde, Mountainbiking in unserer herrlichen Umgebung, aber auch Gottvertrauen sind für mich wichtige Elemente zum "Runterkommen“ und zur Erholung.

Sie sind Vorsitzender des Vereins Bunter Kreis Schwäbisch Gmünd. Welche Unterstützung bietet der Verein Familien?
Durch die stürmische Entwicklung der Medizin werden immer komplexere Krankheitsbilder behandelt. Wir können aber in den Kliniken letztendlich nicht alle Kinder gesund machen. Das ist der Ansatz der Nachsorge, die auch unser Verein Eltern mit chronisch- oder schwerkranken Kindern anbietet. Wir kümmern uns darum, dass der Weg von der Klinik oder Intensivstation in die eigene Umgebung gelingt und die Familie letztendlich mit individuell angepasster Unterstützung zu Hause bestmöglich zurecht kommt. Das ist eine spannende Aufgabe und ich bin sehr dankbar, dass unser Verein mit seinen Aufgaben von vielen Menschen, Vereinen, Einrichtungen etc. große Unterstützung erfährt. Im Interesse unserer Schützlinge mit Ihren Familien möchte ich bei dieser Gelegenheit allen herzlich danken. Die Fragen stellte Klinikzeitungsredakteur Alexander Hauber.
Quellenangabe: Meine Gesundheit - Das Klinik Magazin 03/2017 - veröffentlicht am 05.10.2017