Wenn Alkohol alles auflöst

Arbeitsverhältnisse, Familie, Freundschaften, Besitz und Gehirnzellen sind in Gefahr

Man muss über seine Probleme reden. Das habe ich nie gekonnt', sagt Hans-Joachim Acktun. Der 67-Jährige Alkoholiker weiß, was in seinem Leben schief gelaufen ist, und er will anderen Mut machen.
Zwei Liter Schnaps gab es pro Monat und Mann im Braunkohlebergbau der ehemaligen DDR. Alkohol als Belohnung, als Ablenkung. Schon in der Lehre habe er regelmäßig Bier getrunken - 'wir hatten in der Freizeit nicht viele Möglichkeiten'. Komasaufen freilich habe es nie gegeben, erinnert sich Hans-Joachim Acktun.

Die Probleme kamen, als der heute 67-Jährige mit seiner Frau vor 20 Jahren aus familiären Gründen aus der DDR in die Bundesrepublik übersiedelte. Der ehemalige Lokführer musste nun Lastwagen fahren, nebenbei arbeitete er in Ulm bei einer Reinigungsfirma. 'Mein Arbeitstag begann morgens um fünf und endete abends um neun.' Er transportierte Fleisch, Wurst und Schokolade - verderbliche Waren, deren Liefertermine pünktlichst eingehalten werden mussten. 'Ich hatte wirtschaftliche Ängste, fürchtete, arbeitslos zu werden. Dabei wollte ich meiner Frau und den Kindern doch alles bieten', erzählt Acktun.

Vielleicht wäre die Arbeitsbelastung noch zu schultern gewesen. Doch auch in der Ehe kriselte es. Die Frau fühlte sich mit ihren Problemen allein gelassen. Heute weiß Acktun, dass er sie hätte mehr unterstützen und ihr in einer für sie sehr schwierigen Situation hätte beistehen müssen.

Stattdessen ertränkte der Vater zweier Kinder all seine Probleme in Alkohol. Die Bierflasche war immer da, wenn er sich mies fühlte: 'Scheiße, trinkste n Bier', war sein Motto. Reden konnte er nicht, dazu hatte er auch niemanden. Die Frau zeigte ihm die kalte Schulter, seine Geschwister waren weit weg, bei der Arbeit war er größtenteils allein. Und bald hatte er auch keine Freunde mehr. Der Absturz war programmiert.

Mit 3,2 Promille wurde ihm der Führerschein entzogen - da konnte er sogar noch gerade laufen. Immer noch stritt Acktun ab, Alkoholiker zu sein.

Da der Führerschein-Entzug im Jahr 2000 exakt mit seinem Urlaub zusammenfiel und sein Hausarzt ihn erst einmal krank schrieb, war der Arbeitsplatz gerettet. Doch eine achtwöchige Therapie, die ihm der Doktor verordnete, brachte nichts. 'Ich habs halt mit mir machen lassen', gibt der ehemalige Trinker zu. 'Jetzt bin ich gesund', habe er sich nach den acht Wochen gesagt, und nach weiteren acht alkoholfreien Wochen: 'Ein Bier kann ja nicht schaden.' Er wurde rückfällig.

Die eine berühmte Schnapspraline reiche tatsächlich, um rückfällig zu werden, sagt Helmut Tauschek. Hirnorganische Funktionen reagierten auf minimale Mengen Alkohol, erklärt der Leiter der Suchtberatung bei der Caritas Ulm.

An Tauschek wandten sich Acktuns Frau und Schwiegersohn 2003. Sie waren am Ende. Der Sozialtherapeut vermittelte der Frau einen Anwalt, der eine Art Drohbrief aufsetzte: Wenn Acktun nicht bereit sei, sich helfen zu lassen, reiche die Frau die Scheidung ein.

Damit hatte der Mann nicht gerechnet. Schließlich sei seine Frau doch finanziell von ihm abhängig, dachte er. Die Strategie 'motivieren, Druck machen, Schraube anziehen' half. Acktun ging zur Suchtberatung.

Anfangs versteckte er die Bierflasche noch im Gebüsch vor der Beratungsstelle. Dass er süchtig ist, nachts aufstehen musste, um zu trinken - das fiel ihm noch immer schwer, sich und erst recht anderen einzugestehen.

Es folgte eine Langzeittherapie. 16 Wochen in einer Fachklinik, jeden Tag Gespräche inklusive eine Woche Paartherapie. Als er seiner Frau und den Partnerinnen der anderen Alkoholiker zuhört, 'da hat es bei mir den Schalter umgelegt'. In diesem Moment habe er erkannt, was er seiner Frau und seiner Familie eigentlich angetan hatte. 'Da wollte ich nicht mehr.'

Es hat bis heute geklappt. Das Verlangen nach Alkohol sei nicht mehr da, aber er wisse genau, dass er auch keinen Tropfen mehr anrühren dürfe, betont der Rentner. Dass er ohne seine Frau versumpft wäre, auch das ist ihm inzwischen klar.

'Das soziale Umfeld zu erhalten, ist ein ganz wichtiger Punkt', sagt Therapeut Tauschek. Viele Frauen seien bereit, den alkoholkranken Mann auf dem Weg aus der Sucht zu begleiten. Andersherum sei das allerdings seltener. 'Alkoholabhängige Frauen werden von ihrem Partner schneller fallen gelassen.' Das mag zum Teil finanzielle Gründe haben, doch sei auch die Motivation, regelmäßig Alkohol zu trinken, bei Frauen meist eine andere. 'Oft stecken traumatisierende Erlebnisse wie Missbrauch oder Gewalt in der Familie dahinter.' Bei Frauen sei zudem die Schamschwelle sehr viel höher. 'Das verhindert, dass Alkoholikerinnen frühzeitig zu uns kommen', bedauert Helmut Tauschek.

Immer mehr ältere Menschen tauchen in den Statistiken der Komasäufer auf. Das kann sich Tauschek nicht so recht erklären. 'Eigentlich ist uns eher das Problem der Medikamentensucht im Alter bekannt. Allerdings nimmt die Zahl verwahrloster älterer Menschen ohne soziale Anbindung zu. Und natürlich vertragen alte Leute einfach weniger Alkohol.' Möglicherweise stünden auch Depressionen oder der Verlust des Partners dahinter. 'Und natürlich ist ein wichtiges Motiv für Alkoholmissbrauch: Angst.'

Tauschek hält es für ganz wichtig, das Thema Alkohol öffentlich zu machen und nicht zu bagatellisieren. Es könne jeden treffen und werde doch oft in eine Schmuddelecke gestellt und mit Charakterschwäche assoziiert. 'Alkoholismus ist eine chronische Krankheit.' Es gebe eben nicht nur die alkoholkranken Wohnsitzlosen in der Fußgängerunterführung, sondern auch den alkoholsüchtigen Banker im feinen Zwirn. Das kann auch Acktun aus der Erfahrung in der Selbsthilfe bestätigen. Diese Gruppen findet er ganz wichtig. 'Das ist das Beste, was es gibt.' Dort will er sich weiterhin, am besten lebenslang, engagieren. 'Auch wenn ich bei Vorträgen in Schulen von 14-Jährigen ausgelacht werde.'
Quellenangabe: © Schwäbische Post 05.05.2010